LEITPLANKE - LIPPSTADTS STADTMAGZIN
LeitPlanke   















Von Anfang September bis Mitte Oktober gibt sich eine ganze Reihe von Künstlern ersten Ranges im Stadttheater die Ehre

 

THEMA DES MONATS

Erinnerungswürdig

15. Wortfestival 

5. September - 9. Oktober 2021
Ein Ausspruch Honoré de Balzacs dient der 15. Auflage des "Wortfestivals" als Motto: „Die Erinnerungen verschönern das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich.“ Nach fast zwei Jahren, die Corona-bedingt in Sachen Kultur schlicht zum vergessen waren, ist es umso erfreulicher, dass die junge Saison 2021/22 gleich mit einem solchen Highlight aufwarten kann. Von Anfang September bis Mitte Oktober gibt sich eine ganze Reihe von Künstlern ersten Ranges im Stadttheater die Ehre, um Erinnernswürdiges dem Vergessen zu entreißen. Einige der Interpreten sind alte Bekannte, andere begegnen uns zum ersten Mal. Alle aber versprechen uns einen anregenden Zu
-gang zu Literatur und Musik. Im September treten auf:

Schicksalsreise

Döblin-Lesung von Günter Lamprecht
Sonntag, 5. September 2021, 18.00 Uhr, Stadttheater

Das „Lippstädter Wortfestival“ hat im Laufe der Zeit eine große Zahl bedeutender Protagonisten versammelt. Es war der unver
-gleichliche Faust-Interpret Will Quadflieg, der den Anstoß zu einem solchen Fest des Wortes gab und der von der Presse sehr bald zu seinem „Übervater“ erhoben wurde. Nach seinem Tod übernahm Günter Lamprecht, der unvergleichliche Franz Biberkopf in Fassbinders BERLIN ALEXANDERPLATZ-Verfilmung die Rolle des Mentors der Veranstaltungsreihe des „Kunst- und Vortragsrings“. Eine Rolle, die er sehr ernst nimmt, denn trotz Unfall lässt es sich Lamprecht nicht nehmen, das "Wortfestival" zu eröffnen. Der „alte Berliner“ liest aus dem autobiographisch-en Werk Schicksalsreise von Alfred Döblin (1878 - 1957). Diese heute wenig bekannten Exil-Erinnerungen des großen Sprach-experimentatorsumfassen den Zeitraum von 1940 bis 1948. Döblin schildert in seinem sehr persönlichen Text seine ganze Lebenskatastrophe von der Emigration bis zur Heimkehr in ein fremd gewordenes Land. „Das Dach über unserem Kopf wurde vom Sturm abgerissen, der Fußboden unter uns brach zusam-men. In alle Winde wurden wir zerstreut.“

Die Fledermaus à trois
Operetten-Parodie mit Michael Quast + Sabine Fischmann
Mittwoch, 8. September 2021, 20.00 Uhr, Stadttheater

Ebenfalls ein "Wortfestival"-Stammgast ist Michael Quast, des
-sen Programme stets zu den humoristischen Höhepunkten der "Kunst- und Vortragsring"-Veranstaltungsreihe zählen. Neben einem Solo-Auftritt und einem gemeinsamen Auftritt mit dem Schweizer Philipp Mosetter stand der Kabarettist, Schauspieler und Regisseur bereits zwei Mal mit der Sängerin und Schauspie-lerin Sabine Fischmann auf der Bühne des Stadttheaters. Klas-sische Musik auf humorvolle Weise zu präsentieren, ohne sie zu denunzieren, voller Witz und Spielfreude, das ist das Erfolgsre-zept des Duos Fischmann & Quast. In raschem Wechsel schlüp-fen sie mit großer Charakterisierungskunst in die verschieden-sten Rollen. Basierend auf gründlicher Werkanalyse und großer Musikalität greifen sie - zum Vergnügen des Publikums - durch-aus auch mal zu darstischen Mitteln. Nachdem Sabine Fisch-mann und Michael Quast so in Lippstadt bereits mit "Don Gio-vanni à trois" (2009) und "Im weißen Rössl à trois" (2017) begeistern konnten, lassen sie nun "Die Fledermaus à trois" folgen. "Walzerkönig" Johann Strauss (1825 - 1899) schuf die-ses Meisterwerk der so genannten Goldenen Operettenära nach einem Libretto von Richard Genée (1823 - 1895) kurz vor dem Wiener Börsenkrach von 1873, mit dem die Hochstimmung der so genannten Gründerzeit endete: Um seinem Freund Eisenstein eins auszuwischen, inszeniert Dr. Falke alias die Fledermaus ein Verwechslungsspiel beim Ball des Grafen Orlofsky. Dort treffen sich ein Marquis und ein Chevalier, eine ungarische Gräfin und angehende Künstlerinnen. Jedoch: niemand ist der, für den er sich ausgibt. Alles ist Maskerade und Schwindel. Als schließlich alle Masken fallen und die außerehelichen Techtelmechtel ans Licht kommen, zeigt sich die gelungene Rache der Fledermaus... Quast und Fischmann treten in "Die Fledermaus à trois" den Beweis an, dass sich hinter der vordergründigen Walzerseligkeit dieses Operetten-Klassikers durchaus feinsinnige Ironie und einige ewige Wahrheiten verbergen...

Klavier für Kinder
Konzert mit Corinna Simon
Samstag, 11. September 2021
, 16.00 Uhr, Stadttheater
Was wird nicht alles unternommen, das Herz der Kinder und Ju
-gendlichen für die klassische Musik zu gewinnen. Sonderbarer-weise aber zumeist immer mit den gleichen Stücken. Dabei gibt es doch unendlich mehr als die „Kinderszenen“, dachte sich die Berliner Pianistin Corinna Simon und machte sich auf die Suche nach verborgenen, kindgerechten Kostbarkeiten. Und sie wurde schnell fündig, denn zahlreiche Komponisten sind auf höchst unterschiedliche Weise in die Welt des Nachwuchses einge-taucht. Während Dimitri Schostakowitsch in seinen „Puppen-tänzen“ einmal dem belastenden Sowjetalltag entfloh, portrai-tierte Erwin Schulhoff in lustigen Stücken wie „Trara“ den gan-zen kindlichen Wiederholungsterror, den die entnervten Eltern schnell zu vergessen pflegen. Und DER PATE-Filmmusikkompo-nist Nino Rota schrieb richtig schwierige Virtuosennummern für kleine Pianisten. Hörer jeden Alters dürfen sich an diesem "Wortfestival"-Nachmittag somit auf ein abwechslungsreiches Konzert freuen, das sein Publikum gleichermaßen zum Staunen und zum Schmunzeln bringt.

Peter Espeloer
Harold-Brodkey-Lesung
Dienstag, 14. September 2021
, 20.00 Uhr, Stadttheater
Der 1960 in Heidelberg geborene Schauspieler Peter Espeloer ist einem breiteren Publikum vor allem durch seine Rolle als Krimi
-naltechniker Peter Becker in den Ludwigshafener "Tatort"-Epi-soden bekannt geworden. Bei seinem ersten "Wortfestival"-Auf-tritt liest er aus einer Erzählung von Harold Brodkey (1930 - 1996). Der US-Schriftsteller und Journalist veröffentlichte seit den 50er Jahren Erzählungen, die in aufwändig ausgeführter, häufig ausufernder sprachlicher Gestaltung die traumatischen Erinnerungen seiner Jugend umkreisten. Für die Verbindung von Autobiographischem mit einer äußerst exakt den verborgensten seelischen Regungen nachspürenden Prosa wurde er von der US-Literaturkritik zeitweilig als "neuer Proust" gefeiert. Seine beiden erst in den 90er Jahren veröffentlichten Romane stießen dort hingegen eher auf ein geteiltes bis negatives Echo, wäh-rend zumindest sein zweites Buch Profane Freundschaft in Deutschland positive Aufnahme fand.

Sie kam aus Mariupol
Autorenlesung von Natascha Wodin
Freitag, 17. September 2021
, 20.00 Uhr, Stadttheater
„Natascha Wodin könnte gelingen, was den Historikern nicht zu gelingen scheint: die Geschichte der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu verankern.“, urteilte Uli Hufen im Deutschlandfunk über Nata
-scha Wodins Familiengeschichte Sie kam aus Mariupol (2017), die u.a. mit dem Preis der Frankfurter Buchmesse ausgezeich-net wurde und es bis auf Rang 3 der "Spiegel"-Bestsellerliste schaffte. Die Schriftstellerin und Übersetzerin ukrainisch-rus-sischer Abstammung zeichnet in ihrem autobiographisch inspi-rierten Roman den Lebensweg ihrer Mutter nach, die als junges Mädchen den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebte und 1943 mit 23 Jahren von den Nazis mit ihrem Mann als "Ostarbeiterin" nach Deutschland verschleppt wurde, wo sie sich Mitte der 50er Jahre das Leben nahm. "Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe", was die Mutter mit diesem immer wieder geäußerten Satz genau meinte, konnte die damals erst 10-jährige Tochter nicht verstehen. Erst Jahrzehnte später kommt Licht ins Dunkel, als mit Hilfe eines Hobbyhistorikers, auf den sie im Internet gestoßen ist, das Schicksal ihrer Mutter rekonstruiert...

Decamarone
Boccaccio-Lesung von Matthias Leja
Sonntag, 19. September 2021
, 18.00 Uhr, Stadttheater
Wenige Schauspieler dürften, als im vergangenen Frühjahr die erste Coronawelle über uns kam, einen treffenderen Vorlese
-stoff für das Publikum am heimischen Computer ausgesucht haben als Matthias Leja mit Giovanni Boccaccios Decamerone. Auch wenn die Sammlung von 100 Novellen vor gut 650 Jahren entstanden ist, ist sie doch von faszinierender Aktualität. In Boccaccios Werk fliehen junge, vornehme Florentiner vor der Pest, um in einem ländlichen Arkadien Unglück und Tod über dem Erzählen derber, tragischer und lustiger Geschichten zu vergessen. Das Decamerone beginnt mit einer Beschreibung der Pest in Florenz, die zu den modernsten und wuchtigsten Texten zählt, die je über eine Menschheitskatastrophe geschrieben worden sind. Und Matthias Leja, den die Fernsehzuschauer als Protagonisten der ZDF-Serie „Die Rettungsflieger“ in bester Erinnerung haben dürften, wird sie uns nicht ersparen...

Jan Bartos
Klavierabend
Dienstag, 21. September 2021
, 20.00 Uhr, Stadttheater
Als die tschechische Klavierlegende Ivan Moravec 2011 beim 10. Wortfestival sein letztes Konzert für das Lippstädter Pub
-likum gab, saß im Publikum sein letzter Meisterschüler, Jan Bar-toš. Er war seinem Lehrer extra aus Prag nachgereist. Wenn er nun beim 15. Wortfestival selbst auf dem Lippstädter Podium sitzt, ist es so etwas wie eine Stabübergabe. Bartoš ist in den letzten Jahren eine Weltkarriere gelungen. Alfred Brendel, der ihn einlud, an seiner DVD My musical life (2021) mitzuwirken, schrieb: „Jan Bartoš ist einer meiner aufregendsten und beein-druckendsten jungen Kollegen. Bei ihm verbindet sich Virtuo-sität mit tiefernster Musikalität.“ Dem wäre kaum etwas hinzu-zufügen. Bartoš, der von der Weltpresse gefeierte CDs mit Kla-viersonaten Beethovens, dem gesamten Klavierwerk Leoš Janá-ceks und Klavierkonzerten Mozarts vorlegte, ist mittlerweile in allen großen Konzertsälen Amerikas, Europas und Asiens aufge-treten, und so ist es eine große Ehre, ihn in Lippstadt unter anderem mit Janáceks Zyklus „Auf verwachsenem Pfad“ und Beethovens letzter Klaviersonate op. 111 erleben zu dürfen.

Hellen Keller
Lesung von Gudrun Landgrebe
Samstag, 25. September 2021
, 20.00 Uhr, Stadttheater
Dass sich Gudrun Landgrebe nach dem "11. Wortfestival" nun ein weiteres mal hat einladen lassen, ist für die Veranstalter eine besondere Anerkennung. Nachdem die renommierte Kino- und TV-Darstellerin 2013 eine Zola-Erzählung präsentiert hat, widmet sie sich an diesem Abend nun der US-Schriftstellerin Helen Keller (1880 - 1968). Als gesundes Kind in Tuscumbia
/Alabama geboren, wurde sie im Alter von 19 Monaten von einer bis heute nicht genau identifizierten Krankheit befallen, die sie taub und blind zurückließ. Von da an lebte sie als ein „Phantom, das in einer Welt lebte, die eine Nicht-Welt war“. 1887 übernahm ihre spätere Begleiterin und Freundin Anne Sullivan Macy ihre Denk-, Lese- und Schreibausbildung. Ihr gelang es, sie zu einem Sprach- und Literaturstudium zu füh-ren, das ihr den Weg zum Schriftstellerdasein ebnete. Keller er-langte mehrere Ehrendoktorwürden, hielt Vorträge, war Pazifis-tin und Sozialistin, engagierte sich in der American Civil Liber-ties Union und in der American Foundation for the Blind und setzte sich für die Rechte Unterdrückter ein.


Wer wir waren

Roger Willemsens Zukunftsrede
Lesung von Barbara Auer

Donnerstag, 30. September 2021
, 20.00 Uhr, Stadttheater
Vor zehn Jahren war Roger Willemsen (1955 - 2016) das erste und leider einzige Mal beim "Wortfestival" zu Gast. Das Essay Wer wir waren ist so etwas wie das Vermächtnis des populären Intellektuellen. Unterstützt von der Pianistin Olena Kushpler verwandelt die renommierte Schauspielerin Barbara Auer den kulturkritischen Text in eine musikalische Lesung voller Welt
-klugheit, Abschiedstrauer und Ironie. Wer wir waren basiert auf der letzten öffentlichen Rede des Publizisten, Moderatoren und TV-Produzenten, in der Willemsen die Grundzüge seines nächs-ten umfangreichen Werkes skizzierte, das er vor seinem Tod aber nicht mehr vollenden konnte. Seine kulturpessimistische "Zukunftsrede" blickt aus einer kommenden Zeit zurück auf die Gegenwart, um so das Hier und Jetzt deutlicher erkennen zu können. „Wir leben als die neuen Menschen mitten in einer Multiplikation der Aufmerksam­keitsherde. Fahren, Essen, Mai-len, Musikhören, Schreiben, Nachrichten-Aufnehmen, all das vollzieht sich im selben Zeitabschnitt. Wir wissen es, wir horten eine Art schlechtes Gewissen angesichts unserer Flüchtigkeit und kultivieren sie weiter, die flache Aufmerksamkeit, die jedes Detail darin weniger prägnant, auch weniger beeindruckend erscheinen lässt“.


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